Schreibwettbewerb 2017

Tabea Elfa Giese - Schatten der Vergangenheit (7. Kl)

               

„Aislinn, kommst du jetzt bitte! Es sind schon alle da und fragen sich, wann du kommst!“, ertönte die näselnde und nervöse Stimme meiner Tante. Na klar, sie war nervös, weil sie sich nicht vor der gesamten Familie blamieren wollte. Oder eher gesagt ihrer neuen Familie. Denn sie war erst vor ein paar Monaten plötzlich aufgetaucht, und hatte mein Leben sprichwörtlich auf den Kopf gestellt, indem sie behauptet hatte, sie sei meine und die Tante meines kleinen Bruders Salomon.

Obwohl er immer felsenfest behauptet hatte, er hätte keine einzige Schwester, nur einen großen Bruder (der Marvin hieß), hatte man meinem Vater deutlich ansehen können, dass er Sephora (meine sogenannte Tante) kannte und nicht mochte; oder sich eher vor ihr fürchtete. Denn er war bei ihrem Anblick vor unserem Haus in London leichenblass geworden und hatte wild die Augen zusammen gekniffen, als ob er verzweifelt versuchen würde, sie als einen schlechten Traum abzutun; was wahrscheinlich auch stimmte. Doch es hatte nichts genützt. Sephora war trotzdem zu ihnen eingezogen, da ihr Apartment angeblich wegen Wasserschaden repariert werden musst. Und bald hatte sie schon Serena, meine Mutter, und Salomon mit schmeichlerischen Worten und Taten um den Finger gewickelt. Doch bei mir war sie damit gescheitert.

 

Das war jetzt 4 Monate her und ich misstraute ihr noch immer; vor allem wegen meinem Vater, der vor ihr wegzulaufen schien, da er seit ihrer Ankunft fast nie mehr zu Hause war und sich immer, wenn er seiner „Schwester“ auf dem Flur begegnete, umdrehte und in die andere Richtung davonlief. Ich hatte schon versucht, ihn zu Rede zu stellen, doch er wich mir aus. Es schien irgendetwas in der Vergangenheit geschehen zu sein. Etwas, das ich nicht wissen sollte. Pech nur, dass mich das nur mehr anspornte, herauszufinden, was hier vor sich ging, und was es wirklich mit Sephora zu tun hatte.

Und genau wegen diesem Misstrauen und Unmut gegenüber meiner Tante, würde ich ganz sicher nicht heruntergehen, um ihr dabei zuzuschauen, wie sie ihre alte/neue Familie täuschte.

 

Doch sie schien andere Vorstellungen zu haben. Denn ich hörte ihre donnernden Schritte auf der Treppe, die diese und damit mein Zimmer, das direkt über der Treppe war, erschütterten. Keine Ahnung, wie eine so zierliche Frau es schaffte, so aufzutreten, als wäre sie ein 100-Tonnen schwerer Elefant.

“Aisl, kommst du jetzt bitte!“, sagte meine Tante leicht verärgert.

Da war er wieder: mein Spitzname. Ich hasste ihn. Und das wusste sie auch ganz genau, denn sie verwendete ihn immer, wenn  sie mich unter Druck setzten wollte. Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, wie man jemanden mit seinem Spitznamen, wie peinlich er auch sein mag,  erpressen kann. Sagen wir es mal so: Der Grund dafür war, dass ich genau wusste, was für ein Schaden ein falsch ausgesprochener Name anrichten kann, denn ich bin eine Verba. Das heißt, dass ich so eine Art Magierin bin. Nur das ich nicht mit Zaubersprüchen, sondern mit Wörtern an sich zaubere. Egal welches Wort aus jeder Sprache: wenn ich es  ausspreche, dann bewirkt es genau das, was es bedeutet. Also wenn ich sage “lerne“, dann lernt die Person, auf die der Zauber gerichtet ist. Aber es gibt auch weitaus verhängnisvollere Wörter als dieses. Deshalb muss ich genau darauf achten, wann ich ein Wort normal oder mit Magie ausspreche, denn sonst könnte das verherende Folgen haben.

Aber zurück zu meinem Spitznamen. Er könnte mir deshalb gefährlich werden, weil auch ein falsch ausgesprochener Name die Handlung des Betroffenen verändern kann. Nur das hier nicht die bisherige Aktion, sondern die Persönlichkeit betroffen ist. Ich wusste nicht, ob Sephora auch eine Verba war. Aber es wäre möglich, da mein Vater einer war und diese Magie sich durch meine gesamte Familie zog. Bisher schien sie nur bemerkt zu haben, dass sie mich damit erpressen konnte und ich hatte auch noch nicht irgendwelche Veränderungen an mir gespürt oder wahrgenommen, was bedeutete, dass sie keine Magie in ihre Worte gelegt hatte. Aber das konnte sich auch noch ändern.

Und genau aus diesem Grund stand ich doch auf, um mich meiner wutschnaubenden Tante auf der Treppe anzuschließen. Ich schaute sie mit meinem besten Welpenblick an und versuchte ihr nicht in die Augen zu schauen, damit sie keinen Grund mehr hatte, wütend zu sein, und ich so aus der Gefahrenzone raus wäre.

 

Aus den Augenwinkeln sah ich ein seltsames grelles, helllila Licht an der Wand. Neugierig beugte ich mich vor, um besser sehen zu können. Doch das sah ich wieder etwas, was mir den Atem verschlug. Denn der Ursprung dieses seltsamen Lichts waren die Augen meiner  Tante. Die mich anschaute, als würde sie mich am liebsten auf der Stelle aussaugen. Ihre Pupillen waren so groß geworden, dass man nichts anderes mehr als diese sah, in denen das Licht wie ein Feuer loderte. Sie machte ihren Mund auf und ging langsam auf mich zu, wie ein lautloser Schatten. “ Das war`s“, dachte ich.

„Sephora, Aislinn, kommt ihr jetzt bitte runter? Die Gäste warten schon alle!“, riss die Stimme meiner Mutter mich aus der Starre.

Auch Sephora schien in ihre alte Erscheinung zurückgekehrt zu sein; ohne lila leuchtende Pupillen. Sie blickte mich mit einem mysteriösem Lächeln an, welches aber nicht ihre Augen erreichte, die mich noch immer mit einer eisigen Kälte, wie bei einer bösartigen Schlange musterten.“Wir kommen!“, rief sie meiner Mutter hinunter. “Gehen wir?“, wandte sie sich an mich. Ich nickte nur. Ich glaubte nicht an diesen kurzzeitigen Frieden. Ich hatte mir das nicht eingebildet. Etwas hatte sich in meiner Tante geregt. Etwas, das schon eine Weile vor sich hinkochte und hin und wieder in Erscheinung trat. Denn es hatte schon einige solch seltsame Augenblicke gegeben, bei denen Sephora sich komisch benahm. Doch es war noch nie so ernst geworden, sodass ich es immer als Hirngespinste abgetan hatte.

Ich musste mit meinem Vater sprechen, komme was da wolle. Zu Not würde ich ihn mit meiner Magie dazu zwingen. Aber bis es dafür soweit war, musste ich erst einmal meine Tante und mein, von ihr ausgesuchtes, langes Kleid, das mich am normalen Gehen hinderte, da es aus unerfindlichen Gründen keinen Beinschlitz besaß, überleben.

 

Das Erdgeschoss unseres Hauses war festlich geschmückt und sah aus wie ein barocker alter Ballsaal (von Spinnenweben und so natürlich befreit; also im alten Glanz  erstrahlend). Aber was die Leute in ihm betraf, so sahen sie für mich eher aus wie eine Mischung aus schlecht geschminktem altem Truthahn, grauenhaft frisierten Haaren und nicht richtig sitzenden Abendkleidern, die versuchte durch lautes Lachen und sinnloses Gegluckse Konversation zu betreiben. Zwei von diesen Truthähnen in Kleidern erkannte ich sofort wieder. Die grässlichen Zwillinge (in Wahrheit hießen sie Atrox und Foede; aber sie hatten sich ihren Beinamen voll und ganz verdient), wie sie alle nannten, schmissen sich gerade an meinen besten Freund, Euan, ran, der davon nicht gerade begeistert zu seien schien. Er versuchte sich mit seiner höflichen, zwangslosen Art aus der Sache herauszuschlawienern, was wohl nicht so ganz klappte.

 

Grinsend ging ich zu ihm, um ihm zu helfen, doch da sah ich meinen Vater ganz allein in einer kleinen Nische stehen, welche etwas abseitsgelegen war. Eine bessere Chance, ihn zu Rede zu stellen, würde ich nicht bekommen.

Ich ging mit langsamen Schritten auf ihn zu, damit er und Sephora es nicht bemerkten, dass ich auf ihn zusteuerte. Jedenfalls hoffte ich das. Denn sonst würde mir entweder meine Tante dazwischenfunken oder mein Vater abhauen. Beides wäre nicht wirklich förderlich für meinen Informationsstau.

Nur noch 3 Schritte. „Dreh dich jetzt nicht um. Bloß nicht umdrehen, Papa“, murmelte ich beschwörend. Ich hatte Glück, denn er drehte sich nicht zu mir um, und auch meine Tante schien nichts zu bemerken. „ Hi Papa!“, fing ich ohne große Umschweife an. Mein Vater zuckte zusammen, als hätte ihn ein Stromschlag durchfahren. Erschrocken blinzelnd, wie ein verschrecktes Reptil, schaute er mich mit seinen aufgerissenen babyblauen, goldgesprenkelten Augen an. „ H-H-Hallo, Schatz. Was machst du denn hier? Solltest du nichts schon längst im Bett sein?“, sagte er und blinzelte, als ob sein Leben davon abhängen würde. “Nein sollte ich nicht, wenn du in den letzten Wochen auch nur ein Wort mit mir geredet hättest, würdest du wissen, dass mich dein herzallerliebstes Schwesterherz dazu gezwungen hat, ihr dabei zuzusehen, wie sie die anderen mit ihrer schleimerischen Art einwickelt und in ihren Bann bringt. Aber da du das ja nicht getan hast und bist immer vor mir geflüchtet bist, kannst du das natürlich nicht wissen.“, giftete ich ihn  an, wobei ich von meiner eigenen Reaktion sehr überrascht war. Aber der ganze Ärger, der sich seitdem aufgestaut hatte, war nur auf der Suche nach einem Ventil gewesen, was er nun wohl gefunden zu haben schien.

„Es tut mir leid“, entschuldigte ich mich zerknirscht bei ihm. Er schaute mich bloß leidenvoll an, als würde ein Gewicht, das schwerer als das des Atlas war, auf seinen Schultern lasten und ihn fast zerquetschen. “Erinnere dich daran, warum du hier bist, Aislinn!“, ermahnte ich mich selbst in Gedanken und strich mir gedankenverloren über meine ebenholz-braunen krausigen Haaren, die sich schon wieder wie verrückt in alle Richtungen kringelten, was ich immer tat, wenn ich angestrengt nachdachte oder verlegen war und es überspielen wollte. “Na ja, ich muss dann mal wieder los. Du weißt schon, deiner Mutter helfen. Sonst zerfleischt sie mich wahrscheinlich wieder“, sagte mein Vater mit gemimter Fröhlichkeit, drehte sich wieder um, rannte oder versuchte den Anschein zu erregen, er würde nicht flüchten und verschwand um die nächste Ecke, die hinter einem uralten Gemälde versteckt war (wir haben viele solcher „Nebeneingänge“ zu Räumen im Haus. Ich habe keinen blassen Schimmer warum.). Und weg war er; schon wieder erneut entkommen.

 

Frustriert seufzte ich auf, drehte mich auch wieder um und ging dazu über,  Euan zu Hilfe zu kommen, was der anscheinend noch immer benötigte, da er noch  immer von den grässlichen Zwillingen belagert wurde. Ihr albernes Gekicher und Geklimper mit den Wimpern schien wohl nicht sehr förderlich für seine Gesundheit zu sein, denn er war schon ganz grün im Gesicht, als wäre ihm übel (was mich nicht sehr beim Anblick und Verhalten der beiden Schwestern überraschen würde). Sein Gesichtsausdruck sagte nur eines aus, als  er mich ansah: Hilf mir! Ich verkniff mir ein Lachen.

“Wird hier Hilfe benötigt?“, fragte ich ihn grinsend, als ich vor ihm und seinen Peinigerinnen stand. “Wobei denn bitte? Du siehst doch, dass wir uns prächtig amüsieren?“, giftete mich Foede an und warf ihre Haare mit einer schwungvollen Bewegung nach hinten.“Genau! Lass uns in Ruhe!“, stimmte Atrox ihrer Schwester mit ihrer piepsigen und hohen Stimme zu. So war es immer: Wenn Foede etwas sagte, war Atrox sofort auf ihrer Seite, egal worum es geht und reagierte wie sie. Außerdem war es auch nur Foede, die sich schminkte (Was schrecklich aussieht, weil sie einfach nie die richtige Farbkombination findet. Meistens hat sie dann auch noch durch Rouge riesige  Clownsflecken im Gesicht), in Neonfarben kleidete und andere Leute herumkommandierte, während Atrox das genaue Gegenteil ihrer Schwester war. Sie war eher unsicher und zurückhaltend, was man auch an ihrem Verhalten und Kleidungsstil sehen konnte, denn immer wenn sie, nur sie, von jemandem außer ihrer Schwester angesprochen wurde, begann sie am ganzen Körper zu zittern. Zudem waren ihre Bewegungen ruckartig, als wäre sie eine Maschine, die längst wieder mal geölt hätten werden müssen.

“Entschuldigung, aber der Ansicht bin ich nicht, denn ich finde, dass Euan eher gestresst als erfreut wirkt. Könntet ihr also bitte die Freundlichkeit haben, ihn freizugeben? Ansonsten wird er wohl bald umkippen.“ Die beiden Schwestern stierten mich wütend und fassungslos an, während ich meinen besten Freund zwischen ihnen hervorzog, auf die Füße half und zusammen mit ihm auf den weit entferntesten Ort von dem Ballsaal und damit den Zwillingen zusteuerte. “Deine Art, Leute nur mit Worten zu überzeugen, mit oder ohne Magie, hat uns heute mal wieder das Leben gerettet“, stellte Euan fest. “Dir nicht mir“, bemerkte ich mit einem schelmischen Grinsen, während ich mich auf die Treppe vor der Küche setzte (was nur mit dem Flüchten vor Foede und Atrox und überhaupt nicht dem Hoffen darauf, dass ich vielleicht  herausfinden könnte, was mit meinem Vater los war, zu tun hatte).

 

Euan wollte gerade auf mein provozierendes Kommentar antworten, als plötzlich ein heiserer Schrei aus der Küche kam.  Mein Freund und ich schauten uns an und stürzten dann in die Küche. Was sich dort sah, konnte mein Gehirn erst nicht verarbeiten. Denn der Anblick, der sich mir dort bot, war einfach zu schrecklich um wahr zu sein. Denn ich sah, wie die Füße meiner bewusstlosen Mutter in einem Strudel aus changierenden Sand verschwand, der ungefähr einen Meter über dem Boden schwebte, während mein Vater vor Entsetzen schrie. Der Schrei, den wir gehört hatten, war also von ihm bekommen.

Während ich noch zu verarbeiten versuchte, was ich gerade gesehen hatte, richte sich mein Vater aus seiner vorherigen knieenden Haltung auf und schaute die Person an, die wohl dafür verantwortlich zu sein schien, hasserfüllt an: meine Tante. Sie schwebte neben dem Strudel und sah meinen Vater nur mit emotionslosen Augen an, wie als wären ihre Augen aus kaltem, schwarzem Stein. Das seltsame Licht von vorhin leuchtete auch wieder in ihnen. Von ihr gingen kleine Sandkörner aus, so als wäre sie ein kleiner Sandwüstenwind, der sich hierher verirrt hatte. “Warum, Sephora, warum? Du hast doch Fortschritte gemacht seit wir uns das letzte Mal voneinander getrennt haben! Warum hast du mir das, was mir am wichtigsten ist, genommen?“, brüllte mein Vater sie an. “Deine Kinder sind noch hier, Bruder. Insbesonders deine Tochter verfügt über große magische Fähigkeiten, die sie sich selbst nicht einmal bewusst ist. Sie könnte mir folgen und vielleicht ihre Mutter zurück holen und überleben. Dir aber Bruder, ist der Zugang zu unserem Reich verwehrt. Ich glaube, du weißt auch warum?“, saget Sephora mit einer Stimme, wie Eisen das über Holz schabt. „Warum hast du es absterben lassen und hast nicht um es gekämpft, sondern einfach nachgegeben? Warum…“. „ Es reicht!“, schrie meine Tante. “Anstatt mich nur zu kritisieren, hättest du dich auch nur einmal um mich kümmern können, seitdem. Aber dass hast du nicht. Du hast mich nur abgewiesen, egal wann, egal wo. Und dies ist die Rechnung dafür. Du trägst genauso viel Schuld hieran, wie ich, Bruder“, sagte Sephora verächtlich. Mein Vater schwieg jetzt nur betroffen, als wäre alle Kraft aus ihm gewichen. “Leb wohl“, schnaubte meine Tante und stieg selbst oder eher gesagt schwebte durch den Sandstrudel. Mein Vater hielt sie nicht auf.

Als sie und damit ihr Strudel verschwunden waren, richtete er sich wieder auf und sah zu mir. “Du hast also alles gesehen…“, sagte er mit brüchiger Stimme und streckte eine zitternde Hand nach mir aus, doch ich wich zurück, denn ich wusste genau: wenn ich jetzt irgendwie hinfällig werden würde, würde er seine Magie auf mich anwenden und alles vergessen lassen. Plötzlich unterbrach das knallende Aufreißen der Küchentür die Debatte in mir.

Mein Großvater, Onkel und Euan kamen hereingestürzt. Als sie uns erblickten, atmeten sei erleichtert auf und ihre Schultern sackten nach unten, als wäre eine große Last von ihnen gefallen.“Ich habe Verstärkung geholt, als ich deine Tante so gesehen habe“, erklärte mir Euan, der aussah als wäre ein Sandsturm über ihn hinweggefegt, außer Atem. Ich atmete erleichtert auf. Doch plötzlich sagte mein Großvater etwas, was mir das Blut in den gefrieren ließ: “Wir müssen sie wohl oder übel aufklären. Alle beide“, sagte er mit einem Seitenblick auf mich und Euan. Was aufklären? Ich hatte gedacht, dass das Kapitel des Nicht Wissens vorbei wäre und ich über alles Bescheid wüsste, seit mir mit 7 Jahren erklärt worden war: dass es Magie gab und das ich ein Teil davon war. Aber anscheinend war es nicht so, sondern ich war schon wieder die Außenstehende. Aber zumindest würde sich jetzt alles klären, was ich da gesehen hatte. Wobei ich schon zu der nächsten dringlichen Frage kam: Warum sollte und wurde Euan auch aufgeklärt? Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, obwohl es naheliegend war. Denn er verfügte weder über magische Nebenfähigkeiten der Verba noch irgendwie wichtige Kenntnisse über irgendetwas sehr wichtiges für die Verba. Also warum?

Anscheinend hatte man mir meine Frage vom Gesicht ablesen können, denn mein Onkel grinste mich an und sagte: „Alles wird sich bald klären, Aislinn“. Mein Vater zuckte nur zusammen; gab aber keinen Laut von sich.

“Ich denke, wir werden hier weitgehend ungestört sein“, ließ sich mein Großvater vernehmen, während er sich mit einer schwungvollen und anmutigen Bewegung auf eine der Küchenstühle an der Theke fallen ließ. Wir setzten uns alle zu ihm, selbst mein Vater, obwohl er keinen von uns dabei in die Augen schaute. “Ich würde euch bitten, still zu sein, solange wir euch alles erklären. Eure Fragen werden sich währenddessen klären“, forderte mein Onkel Euan und mich auf. Wir beide nickten nur stumm, denn es war einfach zu unglaublich, was hier geschah.

“Also ich glaube, wir sollten von Anfang an beginnen…“, fing mein Onkel an, wurde jedoch von meinem Vater unterbrochen, der es anscheinend selbst in die Hand nehmen wollte: “Du hast dich sicher gefragt, Aislinn, warum meine Familie und  ich so oft umgezogen sind. Da liegt an meiner Schwester, denn sie verfolgt mich seit dem Tag, als sie unsere Eltern umbrachte, weil ihre Kräfte ausbrachen. Davor hatten wir wie eine ganz normale Familie gelebt. Doch als wir nach dem Tod unserer Eltern ins Waisenhaus kamen, schottete ich mich immer weiter von ihr ab, was schließlich dazu führte, dass sie aus dem Waisenhaus und damit vor mir floh. Seitdem kam sie immer wieder zu mir, doch ich wies sie immer ab, denn ich hatte Angst vor ihr. Fürchterliche Angst. Was mich anging, lebte ich mein Leben: Ich wurde von meiner heutigen Familie aufgenommen, lernte meine Kräfte als Verba von meinem Stiefbruder, der auch einer war, einzusetzen, verliebte mich, heiratete und gründetet meine eigene Familie. Ganze dreizehn Jahre, also seit deiner Geburt, habe ich Sephora jetzt nicht mehr gesehen, bis zu diesem Tag vor vier Monaten, als sie plötzlich da stand, vor unserem Haus. Und dieses Mal konnte ich sie nicht einfach wegschicken. Ich musste hilflos dabei zu schauen, wie sie alle außer euch beide um den Finger wickelte. Ich wollte es dir sagen, Aislinn, doch ich hatte zu viel Angst, zu viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, was alles passieren könnte, wenn ich es täte, was sie dir alles antun könnte wegen deines Wissens über sie. Ich tat nichts gegen sie oder eher gesagt für sie.“

Nach einer kurzen Pause fuhr mein Vater fort: „Sephora ist ein Dschinn, ein Zauberwesen mit starken magischen Kräften und zwei Herzen, einem guten und einem schlechten. Dschinns werden in Verbafamilien, also magische Familien hineingeboren, damit diese ihnen dabei helfen, sich für ein Herzen zu entscheiden. Diese Entscheidung wird auch durch die Tätigkeiten der Familie und des Dschinns selbst geprägt. Wenn er sich für ein Herz entscheidet, stirbt das andere Herz ab und verschwindet. Damit ändert sich auch das Wesen des Dschinns: Diejenigen, die das gute Herz gewählt haben, werden zu wohlwollenden, Menschen liebenden und helfenden Dschinns, wie der aus der Geschichte von“ Alladin und die Zauberlampe“. Aber die die dass böse Herz wählen, werden zu abgrundtief bösen, emotionskalten, rachsüchtigen und auf die Menschen hasserfüllten und neidischen  Dschinns. Und ich glaube ihr wisst, für welches Herz, sich Sephora entschieden hat. Und genau wegen dieser Entscheidung, die sie wohl gefällt haben muss, als sie hier war, um sich wohl noch einmal zu versichern, dass ich nichts von ihr wisse will, hat sie Serena in den Rückzugsort der Dschinns entführt, um mich denselben Schmerz, den sie bei jeder meiner Zurückweisungen erlitt, spüren zu lassen. Denn ich kann ihr nicht hinterher, weil ich sie vor dreizehn Jahre, kurz  vor deiner Geburt, in einer Zuckerdose eingesperrt habe, wie in einer alten Zauberlampe. Und dadurch kann ich es nicht, denn man kann nur ins Reich der Dschinns wechseln, wenn man unbeschmutzt ist; also noch niemanden, auch keinen Dschinns, etwas zu leide getan hat. Aber Euan und du können es. Er als dein verbundener Amicus , der dir Kraft spendet und dich am Leben erhält. Und du trägst die Mater in Dir; eine magische Verknüpfung zwischen der Mutter einer Verba mit ihrer Tochter, durch die die beiden immer wissen, wo der andere sich gerade aufhält. Deshalb kannst auch nur du Serena wieder find…“.

“Hör auf! Ich bin nicht mächtig und Euan ist nicht mein Amicus! Ich glaube dir nicht! Hol mir einfach meine Mutter wieder zurück!“, schrie ich ihn an und rannte zur Tür. Ich hörte nicht die Rufe der anderen; wollte sie nicht hören. Ich lief an den Zwillingen - an der gesamten Gastgesellschaft - vorbei, zur Haustür, auf die Felder. Ich rannte immer weiter, als könnte ich meinem Schicksal und den Geschehnissen des heutigen Abends entkommen. Es war töricht, dass wusste ich, aber es war mir egal. Es war mir alles egal. Ich wollte nur entkommen.

Doch einer Erkenntnis verfolgte mich auch während meiner Flucht: Dass sich heute alles verändert hatte. Und weiter verändern würde. Dass das heute nur ein Anstoß eines großen Balls an gefährlichen und haarsträubenden Geschehnissen war. Und das ich dem, egal wie schnell ich lief, nicht entkommen konnte.

Und das ich egal was kommen und wie gefährlich es auch sein würde, meine Mutter retten würde. Denn auch wenn in der Vergangenheit wegen meiner Existenz als Verba und ihrer als Normalsterbliche viele Missverständnisse zwischen uns bestanden hatten, und ich es auch nie über die Lippen gebracht hatte, stand eine unausweichliche Tatsache fest: Ich liebte meine Mutter, und würde sie finden – wo immer sie auch war. Ich würde sie nicht einfach aufgeben, sondern solange suchen und kämpfen, bis ich sie wieder hatte.

 

ENDE

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Viktoria Hammermaier - Oh happy day (10.Kl)

 

  „Was bedeutet Glück für euch?“

Stille. Papierrascheln. Stühlerücken. Stille.

„Versuchen wir es anders. Was bedeutet Unglück für euch?“

„Tod!“, schallte es sofort aus den hinteren Reihen nach vorne. Ein genervtes Schnauben war aus der ersten Reihe zu hören und unter dem bedrohlichen Schwanken des alten Schulstuhls 

drehte sich eine Person mit blonden Dreadlocks auf dem Kopf und braunen Birkenstocks an den Füßen um.

„Musst du das wirklich so negativ sehen?“, Ursula Weide machte eine ausschweifende Bewegung mit ihrem Arm, „Lasst uns alle auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren!“ Gut die Hälfte der dösenden Schüler war aus ihrem Halbschlaf erwacht, jedoch nicht wegen der (wie üblich äußerst positiven) Aussage von Ursula. Sie waren hochgeschreckt, weil Nils Slaković zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn, während der er in schwarze Kleidung gehüllt war und sich hinter einem Vorhang aus schwarzen, fettigen Haaren versteckte, ein Wort über seine Lippen gebracht hatte. Erst nachdem Ursula ihren Appell an ihre Mitschüler beendet hatte, bemerkte sie, wen sie über den Sinn des Lebens aufklärte. Wie der Rest der Klasse verstummte sie, auch Herr Brandt stand mit ungläubigem Blick vor den Schülern.

„Du...Antwort“, völlig verdattert stotterte er. Ein kurzes Kopfschütteln, einmal durch die Haare fahren und Herr Brandt konnte wieder klare Gedanken fassen.

„Das ist ein guter Einfall“, er lobte Nils leicht, innerlich freute er sich, dass er der erste Lehrer war, der den introvertierten Schüler zu einem Unterrichtsbeitrag anregen konnte. Der Unterricht war ins Stocken geraten und deswegen wandte Herr Brandt sich Florian Klein zu und forderte ihn zum Sprechen auf. Florian, ein Kerl wie ein Schrank, der sich mit seiner Pranke als Hand über das Kinn fuhr, ihm stand ins Gesicht geschrieben, dass sein (überarbeitetes) Gehirn hinter den Schläfen ratterte. Nicht aber, weil er eine wohlüberlegte Antwort geben wollte, sondern weil er einen Wahnsinns Witz machen wollte. Florians angestrengt verzerrtes Gesicht änderte sich in ein spitzbübisches Lächeln, bevor er sichtlich stolz seinen Witz zugute gab: „Unglück ist für mich, wenn wir das nächste Fußballspiel verlieren!“

Von Florians Mannschaftskameraden war Gejohle zuhören und einige Mädchen kicherten schwärmerisch. Herr Brandt verdrehte kaum merklich die Augen und versuchte die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Nahe dem Fenster war ein Murmeln, das (absichtlich oder unabsichtlich) für Florian laut genug war, um es zu hören: „Kann aber auch an deiner nicht vorhandenen Leistung liegen.“

Florian stieg das Blut in den Kopf und ließ diesen feuerrot anlaufen. Seine Lippen klebten aneinander, um einen Wutausbruch zu vermeiden. Langsam presste Florian ein bedrohliches „Was?“ zwischen seinen Lippen hervor. Böses ahnend richtete sich Herr Brandt zu voller Größe auf, um seine Autorität zu unterstreichen, räusperte sich umständlich und sprach schließlich mit einer Lautstärke, die alle Schüler einnahm: „Wie ihr seht, ist Glück ein sehr relativer Begriff. Was Glück ist, entscheidet jeder selbst für sich“, von einem lautem Gong unterbrochen fuhr der Lehrer fort, „Macht euch darüber Gedanken und bringt es zu Papier. Egal ob Mind-Map, Aufsatz oder sonst etwas. Hauptsache ich sehe, dass ihr etwas gemacht habt.“ Wobei Herr Brandt den letzten Satz den bereits hinaus gestürmten Schülern hinterher rufen musste.

Lediglich ein paar Wenige waren noch damit beschäftigt ihre Sachen zupacken. Darunter auch Mia Tritt, sie war diejenige, die vor wenigen Minuten für solch einen Tumult im Klassenzimmer gesorgt hatte. Mit Schwung hievte sie sich ihre mit Büchern vollgestopfte  Tasche auf die Schulter und schlängelte sich zwischen den Tischen nach vorne zur Tür des Klassenraums. Gerade war Mia am Lehrerpult vorbei gegangen, als sie die Stimme ihres Lehrers hörte.

„Irgendwann wird er auf dich losgehen!“, Herr Brandt hatte seinen Blick nicht von den Dokumenten in seinen Händen abgewandt. Auch Mia machte keine Anstalten, sich ihrem Lehrer zu zuwenden und flüsterte dem Ausgang entgegen eine kurze Antwort: „Vermutlich.“

 

Rote High-Heels, schwarzer Minirock, weiße (und transparente) Bluse, rot lackierte Fingernägel, kräftiger Lippenstift, dick umrandete Augen und eine glänzende Haarmähne.

An die Wand des Schulflurs angelehnt checkte Janine Bauer auf ihrem Handy, das in der Innentasche ihrer neuen Michael Kors versteckt war, die aktuellsten Instagram-Posts. Wie auf Kommando stieß sich Janine mit einem Ruck von der Wand ab und stolzierte neben Mia den Gang entlang, mit einem ständigem Klackern im Hintergrund begleitet. Ohne große Umschweifungen kam Janine gleich zu dem Thema, das sie (und den Rest der Schule) derzeit am meisten beschäftigte: „Stell dir vor! Lena Maier hat noch immer kein Date für den Schulball.“

Irritiert und ein klein wenig gekränkt räusperte Mia sich und stupste ihrer Freundin schwach in die Seite. Diese begriff erst nicht, was das sollte, bis es ihr langsam dämmerte: „Du...Dich frägt sicher noch jemand.“ Und mit einem ausholenden Handwinker war dieses Thema vom Tisch.

Janine stürzte sich gerade in einen neuen (und scheinbar endlosen) Monolog über das korrekte Einsetzen von Highlighter, als plötzlich Nils Slaković vor den beiden Freundinnen auftauchte. Er starrt Janine und Mia einfach nur an. Völlig perplex von dieser bizarren Situation, starrten sie einfach nur zurück. Einzelne Laute, die eher dem Grunzen eines Tieres glichen, drangen aus dem Mund von Nils. Angestrengt bewegte er seine Lippen in der Hoffnung, richtige Wörter zu sprechen. Nach weiteren erfolglosen Versuchen, während denen Janine und Mia ihn ungläubig beäugten, gab Nils schlussendlich auf. Er strich sich seinen fettigen Haarvorhang aus dem Gesicht und eilte davon.

Janine blinzelte mehrmals, wodurch ihr Kopf dieses Ereignis verdaute. Sie lag ihre Stirn in Falten und bedauerte Nils zutiefst: „Es muss schwer sein, wenn man stumm ist.“

„Nils Slaković ist nicht stumm!“, erklärte Mia, „Er hat heute im Unterricht gesprochen.“ Janine nickte, wobei sie doch eigentlich ihren Lippenstift in den Tiefen ihrer Tasche suchte. Mia unterdrückte nur schwer ein Grinsen und sprach betont langsam die nächsten Wörter: „Ich glaube er wollte dich fragen, ob du mit ihm zum Ball gehst.“

„Der Emo?“

„Ja.“

„Mhm“, mehr ließ sie nicht vernehmen und Mia wusste sofort, dass das Thema für Janine somit geklärt war.

 

Sanft kribbelte ihre durch die Sonne gewärmte Haut und die Grashalme kitzelten sie an ihren nackten Füßen. Ursula Weide hatte ihre Sandalen ausgezogen und sich im Schneidersitz auf den Rasen vor der Schule gesetzt. Ihre Augen waren geschlossen und sie atmete tief die Luft ihrer Umgebung ein. Sie roch das frische Gras, die wunderschön blühenden Blumen und den angenehmen Duft von frisch geerntetem Gemüse, der aus dem Schulgarten drang. Den Frittengeruch der Cafeteria, die Rauchschwaden der älteren Schüler und den stinkenden Geruch von mehreren Dutzend verschwitzten Schülern ignorierte Ursula einfach. In diesem Moment war sie glücklich, sie bemerkte all die Schüler um sie herum nicht, wie sie Ursula angafften und sich über sie lustig machten. Für Ursula war es das größte Glück in Trance zu verfallen. Denn auch wenn sie es niemals zugeben würde, von Zeit zu Zeit schlich sich der Gedanke bei ihr ein, dass sie aufgeben sollte, ihren Mitmenschen den inneren Frieden darzubringen. Aber Momente, wie dieser es war, in denen Ursula durch und durch von positiver Energie erfüllt war, ließen sie diese bösen Überlegungen vergessen.

 

Gedemütigt und vor Schamröte glühend hatte Nils Slaković sich in seinen üblichen Unterschlupf zurückgezogen. Eine kleine Holzhütte, die am äußersten Rand des Schulgeländes stand. Die Zentimeter dicke Staubschicht und die unzähligen Spinnweben in den Ecken ließen darauf hindeuten, dass dieser Geräteschuppen längst vergessen war. Nur in einer winzigen Ecke, die nicht mit alten Spaten und Rechen vollgestopft war, konnte man im Staub Abdrücke erkennen. An diesem Ort zog Nils sich zurück, wenn ihm in der Schule die Decke auf den Kopf fiel. Selbst wenn er Zuhause mit seinen Eltern Streit hatte, legte er die sieben Kilometer zu Fuß zurück. Hier fühlte er sich wohl und genau so wollte sich Nils wieder fühlen. Er fasste es immer noch nicht, dass er in der Schule gesprochen hatte. Aber es kam einfach über ihn. Er musste es einfach sagen. Das unglücklichste, das einem Menschen wieder fahren kann, ist der Tod. Egal in welcher Form, ob es der eigene war, ob man einen geliebten Menschen verlor oder ob man selbst für das Ende eines Lebens verantwortlich war. Wie Nils, Nils der vor drei Jahren seinen sechs jährigem Bruder sterben hat lassen.

Nils kauerte sich in seiner Ecke noch kleiner zusammen und seine Arme und Beine verkrampften sich schmerzlich. Erinnerungen blitzten in seinem Kopf auf. Verschwommen und unklar. Langsam klarten sie auf und Nils sah ihn vor sich. Wie er mit seinem unvergesslich ansteckenden Lachen lief, er war glücklich. Niels wollte damals nicht mit seinem kleinen Bruder spazieren gehen. Er hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt, als er ein schrilles Hupen hinter sich hörte. Und noch bevor Nils sich umdrehte, wusste er es.

Nils war wieder in dem heruntergekommenen Schuppen, in seiner Ecke. Durch die aufgeflammte Erinnerung hatten sich Tränen in seinen Augen gesammelt. Jedoch brachen sie nicht aus und flossen nicht warm über Nils‘ Wangen, die Tränen stauten sich auf. Er konnte nicht weinen. Er hatte es nicht verdient, dass er mit den fallenden Tränen die angesammelte Trauer verlor.

Mit dem Anflug von Selbstvertrauen, welches er durch seinen Beitrag im Unterricht gewonnen hatte, hatte Nils gedacht, er könne versuchen wieder ein wenig Glück in sein Leben zu lassen. Tatsächlich war er auf Janine Bauer zugegangen, er wollte mit ihr ausgehen. Aber kaum war er vor ihr gestanden, waren Bilder von seinem Bruder aufgetaucht. Wie er lacht und sich zur Sonne dreht. Nils hatte gewusst, sein Bruder würde nie mit einem Mädchen ausgehen können, also konnte Nils das auch nicht.

Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen und wippte vor und zurück.

Draußen war überraschend ein Sommergewitter ausgebrochen. Der Regen prasselte hart gegen die verdreckten Fensterscheiben und der Wind pfiff unheilvoll durch die Schlitze der Hütte. Nils wusste nicht, dass es regnete, bis eine tropfnasse Lena Maier die verzogene Tür aufgedrückt hatte und sich in die Trockenheit rettete. Gestört in seiner Einsamkeit schreckte Nils auf. Er sah Lena ins Gesicht. Auf ihren Wangen konnte er glänzende Bahnen erkennen, die nicht von den Regentropfen stammten. Lenas Augen waren gerötet und Nils fielen ihre verrutschten Klamotten auf.

Ihre Augen suchten Nils völlig verschreckt und verstört ab, aber er wusste, sie hatte nicht vor ihm Angst.

Lenas Gedanken spielten verrückt. Vor ihrem inneren Auge sah sie auf Wiederholschleife, was noch vor wenigen Minuten passiert war. Er war auf einmal hinter ihr gestanden und seine Pranken hatten sie grob gepackt. Erst hatte Lena gedacht, er mache nur Spaß, aber er hatte sie mehr und mehr bedrängt. Lena wusste nicht mehr, wie sie ihm entkommen war.

Nils Slaković war keine Person, die sie jetzt sehen wollte, er wirkte noch ängstlicher als sie selbst.

„Vielleicht wegen dem Gewitter“, dachte Lena. Ohne Kontrolle über ihre Taten warf sie sich Nils in die Arme und begann zu weinen wie das Gewitter, das am Himmel tobte.

 

Alle Schüler waren vor den plötzlichen Wassermassen, die sich über sie ergossen hatten, geflohen und hatten sich untergestellt. Die Schulgänge waren zum Bersten gefüllt, weswegen einige wenige unter dem Vordach standen. So auch Janine Bauer und Mia Tritt. Während Janine wütend andere Schüler anschrie, sie sollen doch Platz machen, ließ Mia ihren Blick über den Platz vor der Schule gleiten. Zwischen zwei Bäumen sah sie eine Person am Boden sitzen. Es war Ursula Weide. Mia war vorhin an ihr vorbei gegangen und hatte sie für ihre Gelassenheit bewundert. Seltsamerweise saß Ursula noch immer seelenruhig an genau dieser Stelle, obwohl es in Strömen regnete. Ohne groß zu überlegen sprintete Mia los. Sie spürte, wie die Nässe außergewöhnlich schnell durch ihr T-Shirt drang, das nur nach kürzester Zeit an ihrem Körper klebte. Sie hatte Ursula erreicht und wollte sie mit unter das schützende Dach nehmen, also berührte Mia leicht ihre Schulter. Aber Ursula reagierte nicht. Mia schüttelte ihren Körper ein wenig. Keine Reaktion. Mia war bis auf ihre Unterwäsche nass geworden und zitterte am ganzen Leib. Vom Schulgebäude hörte sie die Rufe ihrer Freundin. Langsam kam ihr, dass es eine dumme Idee gewesen war. Wenn der Regen Ursula nicht zum Gehen gebracht hatte, würde Mia es auch nicht schaffen.

Ohne es noch ein letztes Mal zu versuchen, legte Mia noch einmal einen Sprint hin und erreichte klitschnass den Eingang.

Janine und die anderen waren von draußen verschwunden, deshalb steuerte Mia direkt auf die große Tür zu. In der Sekunde, in der Mia sie erreichte, öffnete Florian Klein die Tür von innen. Mia wollte nichts lieber als hinein ins Warme, aber Florian versperrte ihr den Durchgang.

„B-b-bit-t-te...“, bibberte Mia ihm entgegen, doch er grinste nur dreckig. Florian drückte seinen monströsen Körper nah an ihren und sagte fordernd: „Ich lasse dich durch, wenn du mit mir zum Ball gehst.“

Verdattert blickte Mia in sein Gesicht, sein schiefes Grinsen war noch breiter geworden. Mia wusste, es würde nichts nützen und sie wollte unbedingt nach Drinnen. Um trotzdem Stärke zu beweisen, presste Mia ihre Zähne aufeinander und zischte ein kurzes „Ja“.

 

Janine Bauer hatte sich ins Warme gedrängelt, auch wenn sie nur einen schlechten Platz neben der Tür erreicht hatte. Ihre Stimmung besserte sich schlagartig, weil sie Mia durch die Eingangstür gehen sah. Janine winkte ihre Freundin zu sich herüber und diese trottete niedergeschlagen auf sie zu.

„Du warst dumm. Einfach raus zu laufen!“, war das Einzige was Janine für Mia übrig hatte. Wie üblich antwortete Mia nicht auf den bissigen Kommentar ihrer Freundin. Diese schien ihre unglückliche Stimmung nicht zu bemerken und fuhr ohne Pause mit dem neusten Tratsch fort.

„Zwischen dem Emo und Lena Maier soll es in einem Geräteschuppen heiß hergegangen sein!“ Ohne dass sie überhaupt eine Antwort abgewartet hätte, sprach Janine weiter, „Sogar Lena Maier ist für Nils Slaković ein großes Glück.“

„Ich geh mit Florian zum Ball“, rutschte es aus Mia (keineswegs erfreut) raus.

„Klein?“, ungläubig zog Janine eine Augenbraue hoch, „Du Glückliche. Aber ich auch. Dieses Wochenende verbringe ich mit einem Älteren!“

Ihre Augen auf den Boden fixiert flüsterte Mia: „Ich habe kein Glück.“

 

 

 

 

 

 

 

Textfeld: OH HAPPY DAY

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Was bedeutet Glück für euch?“

Stille. Papierrascheln. Stühlerücken. Stille.

„Versuchen wir es anders. Was bedeutet Unglück für euch?“

„Tod!“, schallte es sofort aus den hinteren Reihen nach vorne. Ein genervtes Schnauben war aus der ersten Reihe zu hören und unter dem bedrohlichen Schwanken des alten Schulstuhls drehte sich eine Person mit blonden Dreadlocks auf dem Kopf und braunen Birkenstocks an den Füßen um.

„Musst du das wirklich so negativ sehen?“, Ursula Weide machte eine ausschweifende Bewegung mit ihrem Arm, „Lasst uns alle auf die positiven Dinge im Leben konzentrieren!“ Gut die Hälfte der dösenden Schüler war aus ihrem Halbschlaf erwacht, jedoch nicht wegen der (wie üblich äußerst positiven) Aussage von Ursula. Sie waren hochgeschreckt, weil Nils Slaković zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn, während der er in schwarze Kleidung gehüllt war und sich hinter einem Vorhang aus schwarzen, fettigen Haaren versteckte, ein Wort über seine Lippen gebracht hatte. Erst nachdem Ursula ihren Appell an ihre Mitschüler beendet hatte, bemerkte sie, wen sie über den Sinn des Lebens aufklärte. Wie der Rest der Klasse verstummte sie, auch Herr Brandt stand mit ungläubigem Blick vor den Schülern.

„Du...Antwort“, völlig verdattert stotterte er. Ein kurzes Kopfschütteln, einmal durch die Haare fahren und Herr Brandt konnte wieder klare Gedanken fassen.

„Das ist ein guter Einfall“, er lobte Nils leicht, innerlich freute er sich, dass er der erste Lehrer war, der den introvertierten Schüler zu einem Unterrichtsbeitrag anregen konnte. Der Unterricht war ins Stocken geraten und deswegen wandte Herr Brandt sich Florian Klein zu und forderte ihn zum Sprechen auf. Florian, ein Kerl wie ein Schrank, der sich mit seiner Pranke als Hand über das Kinn fuhr, ihm stand ins Gesicht geschrieben, dass sein (überarbeitetes) Gehirn hinter den Schläfen ratterte. Nicht aber, weil er eine wohlüberlegte Antwort geben wollte, sondern weil er einen Wahnsinns Witz machen wollte. Florians angestrengt verzerrtes Gesicht änderte sich in ein spitzbübisches Lächeln, bevor er sichtlich stolz seinen Witz zugute gab: „Unglück ist für mich, wenn wir das nächste Fußballspiel verlieren!“

Von Florians Mannschaftskameraden war Gejohle zuhören und einige Mädchen kicherten schwärmerisch. Herr Brandt verdrehte kaum merklich die Augen und versuchte die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Nahe dem Fenster war ein Murmeln, das (absichtlich oder unabsichtlich) für Florian laut genug war, um es zu hören: „Kann aber auch an deiner nicht vorhandenen Leistung liegen.“

Florian stieg das Blut in den Kopf und ließ diesen feuerrot anlaufen. Seine Lippen klebten aneinander, um einen Wutausbruch zu vermeiden. Langsam presste Florian ein bedrohliches „Was?“ zwischen seinen Lippen hervor. Böses ahnend richtete sich Herr Brandt zu voller Größe auf, um seine Autorität zu unterstreichen, räusperte sich umständlich und sprach schließlich mit einer Lautstärke, die alle Schüler einnahm: „Wie ihr seht, ist Glück ein sehr relativer Begriff. Was Glück ist, entscheidet jeder selbst für sich“, von einem lautem Gong unterbrochen fuhr der Lehrer fort, „Macht euch darüber Gedanken und bringt es zu Papier. Egal ob Mind-Map, Aufsatz oder sonst etwas. Hauptsache ich sehe, dass ihr etwas gemacht habt.“ Wobei Herr Brandt den letzten Satz den bereits hinaus gestürmten Schülern hinterher rufen musste.

Lediglich ein paar Wenige waren noch damit beschäftigt ihre Sachen zupacken. Darunter auch Mia Tritt, sie war diejenige, die vor wenigen Minuten für solch einen Tumult im Klassenzimmer gesorgt hatte. Mit Schwung hievte sie sich ihre mit Büchern vollgestopfte  Tasche auf die Schulter und schlängelte sich zwischen den Tischen nach vorne zur Tür des Klassenraums. Gerade war Mia am Lehrerpult vorbei gegangen, als sie die Stimme ihres Lehrers hörte.

„Irgendwann wird er auf dich losgehen!“, Herr Brandt hatte seinen Blick nicht von den Dokumenten in seinen Händen abgewandt. Auch Mia machte keine Anstalten, sich ihrem Lehrer zu zuwenden und flüsterte dem Ausgang entgegen eine kurze Antwort: „Vermutlich.“

 

Rote High-Heels, schwarzer Minirock, weiße (und transparente) Bluse, rot lackierte Fingernägel, kräftiger Lippenstift, dick umrandete Augen und eine glänzende Haarmähne.

An die Wand des Schulflurs angelehnt checkte Janine Bauer auf ihrem Handy, das in der Innentasche ihrer neuen Michael Kors versteckt war, die aktuellsten Instagram-Posts. Wie auf Kommando stieß sich Janine mit einem Ruck von der Wand ab und stolzierte neben Mia den Gang entlang, mit einem ständigem Klackern im Hintergrund begleitet. Ohne große Umschweifungen kam Janine gleich zu dem Thema, das sie (und den Rest der Schule) derzeit am meisten beschäftigte: „Stell dir vor! Lena Maier hat noch immer kein Date für den Schulball.“

Irritiert und ein klein wenig gekränkt räusperte Mia sich und stupste ihrer Freundin schwach in die Seite. Diese begriff erst nicht, was das sollte, bis es ihr langsam dämmerte: „Du...Dich frägt sicher noch jemand.“ Und mit einem ausholenden Handwinker war dieses Thema vom Tisch.

Janine stürzte sich gerade in einen neuen (und scheinbar endlosen) Monolog über das korrekte Einsetzen von Highlighter, als plötzlich Nils Slaković vor den beiden Freundinnen auftauchte. Er starrt Janine und Mia einfach nur an. Völlig perplex von dieser bizarren Situation, starrten sie einfach nur zurück. Einzelne Laute, die eher dem Grunzen eines Tieres glichen, drangen aus dem Mund von Nils. Angestrengt bewegte er seine Lippen in der Hoffnung, richtige Wörter zu sprechen. Nach weiteren erfolglosen Versuchen, während denen Janine und Mia ihn ungläubig beäugten, gab Nils schlussendlich auf. Er strich sich seinen fettigen Haarvorhang aus dem Gesicht und eilte davon.

Janine blinzelte mehrmals, wodurch ihr Kopf dieses Ereignis verdaute. Sie lag ihre Stirn in Falten und bedauerte Nils zutiefst: „Es muss schwer sein, wenn man stumm ist.“

„Nils Slaković ist nicht stumm!“, erklärte Mia, „Er hat heute im Unterricht gesprochen.“ Janine nickte, wobei sie doch eigentlich ihren Lippenstift in den Tiefen ihrer Tasche suchte. Mia unterdrückte nur schwer ein Grinsen und sprach betont langsam die nächsten Wörter: „Ich glaube er wollte dich fragen, ob du mit ihm zum Ball gehst.“

„Der Emo?“

„Ja.“

„Mhm“, mehr ließ sie nicht vernehmen und Mia wusste sofort, dass das Thema für Janine somit geklärt war.

 

Sanft kribbelte ihre durch die Sonne gewärmte Haut und die Grashalme kitzelten sie an ihren nackten Füßen. Ursula Weide hatte ihre Sandalen ausgezogen und sich im Schneidersitz auf den Rasen vor der Schule gesetzt. Ihre Augen waren geschlossen und sie atmete tief die Luft ihrer Umgebung ein. Sie roch das frische Gras, die wunderschön blühenden Blumen und den angenehmen Duft von frisch geerntetem Gemüse, der aus dem Schulgarten drang. Den Frittengeruch der Cafeteria, die Rauchschwaden der älteren Schüler und den stinkenden Geruch von mehreren Dutzend verschwitzten Schülern ignorierte Ursula einfach. In diesem Moment war sie glücklich, sie bemerkte all die Schüler um sie herum nicht, wie sie Ursula angafften und sich über sie lustig machten. Für Ursula war es das größte Glück in Trance zu verfallen. Denn auch wenn sie es niemals zugeben würde, von Zeit zu Zeit schlich sich der Gedanke bei ihr ein, dass sie aufgeben sollte, ihren Mitmenschen den inneren Frieden darzubringen. Aber Momente, wie dieser es war, in denen Ursula durch und durch von positiver Energie erfüllt war, ließen sie diese bösen Überlegungen vergessen.

 

Gedemütigt und vor Schamröte glühend hatte Nils Slaković sich in seinen üblichen Unterschlupf zurückgezogen. Eine kleine Holzhütte, die am äußersten Rand des Schulgeländes stand. Die Zentimeter dicke Staubschicht und die unzähligen Spinnweben in den Ecken ließen darauf hindeuten, dass dieser Geräteschuppen längst vergessen war. Nur in einer winzigen Ecke, die nicht mit alten Spaten und Rechen vollgestopft war, konnte man im Staub Abdrücke erkennen. An diesem Ort zog Nils sich zurück, wenn ihm in der Schule die Decke auf den Kopf fiel. Selbst wenn er Zuhause mit seinen Eltern Streit hatte, legte er die sieben Kilometer zu Fuß zurück. Hier fühlte er sich wohl und genau so wollte sich Nils wieder fühlen. Er fasste es immer noch nicht, dass er in der Schule gesprochen hatte. Aber es kam einfach über ihn. Er musste es einfach sagen. Das unglücklichste, das einem Menschen wieder fahren kann, ist der Tod. Egal in welcher Form, ob es der eigene war, ob man einen geliebten Menschen verlor oder ob man selbst für das Ende eines Lebens verantwortlich war. Wie Nils, Nils der vor drei Jahren seinen sechs jährigem Bruder sterben hat lassen.

Nils kauerte sich in seiner Ecke noch kleiner zusammen und seine Arme und Beine verkrampften sich schmerzlich. Erinnerungen blitzten in seinem Kopf auf. Verschwommen und unklar. Langsam klarten sie auf und Nils sah ihn vor sich. Wie er mit seinem unvergesslich ansteckenden Lachen lief, er war glücklich. Niels wollte damals nicht mit seinem kleinen Bruder spazieren gehen. Er hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt, als er ein schrilles Hupen hinter sich hörte. Und noch bevor Nils sich umdrehte, wusste er es.

Nils war wieder in dem heruntergekommenen Schuppen, in seiner Ecke. Durch die aufgeflammte Erinnerung hatten sich Tränen in seinen Augen gesammelt. Jedoch brachen sie nicht aus und flossen nicht warm über Nils‘ Wangen, die Tränen stauten sich auf. Er konnte nicht weinen. Er hatte es nicht verdient, dass er mit den fallenden Tränen die angesammelte Trauer verlor.

Mit dem Anflug von Selbstvertrauen, welches er durch seinen Beitrag im Unterricht gewonnen hatte, hatte Nils gedacht, er könne versuchen wieder ein wenig Glück in sein Leben zu lassen. Tatsächlich war er auf Janine Bauer zugegangen, er wollte mit ihr ausgehen. Aber kaum war er vor ihr gestanden, waren Bilder von seinem Bruder aufgetaucht. Wie er lacht und sich zur Sonne dreht. Nils hatte gewusst, sein Bruder würde nie mit einem Mädchen ausgehen können, also konnte Nils das auch nicht.

Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen und wippte vor und zurück.

Draußen war überraschend ein Sommergewitter ausgebrochen. Der Regen prasselte hart gegen die verdreckten Fensterscheiben und der Wind pfiff unheilvoll durch die Schlitze der Hütte. Nils wusste nicht, dass es regnete, bis eine tropfnasse Lena Maier die verzogene Tür aufgedrückt hatte und sich in die Trockenheit rettete. Gestört in seiner Einsamkeit schreckte Nils auf. Er sah Lena ins Gesicht. Auf ihren Wangen konnte er glänzende Bahnen erkennen, die nicht von den Regentropfen stammten. Lenas Augen waren gerötet und Nils fielen ihre verrutschten Klamotten auf.

Ihre Augen suchten Nils völlig verschreckt und verstört ab, aber er wusste, sie hatte nicht vor ihm Angst.

Lenas Gedanken spielten verrückt. Vor ihrem inneren Auge sah sie auf Wiederholschleife, was noch vor wenigen Minuten passiert war. Er war auf einmal hinter ihr gestanden und seine Pranken hatten sie grob gepackt. Erst hatte Lena gedacht, er mache nur Spaß, aber er hatte sie mehr und mehr bedrängt. Lena wusste nicht mehr, wie sie ihm entkommen war.

Nils Slaković war keine Person, die sie jetzt sehen wollte, er wirkte noch ängstlicher als sie selbst.

„Vielleicht wegen dem Gewitter“, dachte Lena. Ohne Kontrolle über ihre Taten warf sie sich Nils in die Arme und begann zu weinen wie das Gewitter, das am Himmel tobte.

 

Alle Schüler waren vor den plötzlichen Wassermassen, die sich über sie ergossen hatten, geflohen und hatten sich untergestellt. Die Schulgänge waren zum Bersten gefüllt, weswegen einige wenige unter dem Vordach standen. So auch Janine Bauer und Mia Tritt. Während Janine wütend andere Schüler anschrie, sie sollen doch Platz machen, ließ Mia ihren Blick über den Platz vor der Schule gleiten. Zwischen zwei Bäumen sah sie eine Person am Boden sitzen. Es war Ursula Weide. Mia war vorhin an ihr vorbei gegangen und hatte sie für ihre Gelassenheit bewundert. Seltsamerweise saß Ursula noch immer seelenruhig an genau dieser Stelle, obwohl es in Strömen regnete. Ohne groß zu überlegen sprintete Mia los. Sie spürte, wie die Nässe außergewöhnlich schnell durch ihr T-Shirt drang, das nur nach kürzester Zeit an ihrem Körper klebte. Sie hatte Ursula erreicht und wollte sie mit unter das schützende Dach nehmen, also berührte Mia leicht ihre Schulter. Aber Ursula reagierte nicht. Mia schüttelte ihren Körper ein wenig. Keine Reaktion. Mia war bis auf ihre Unterwäsche nass geworden und zitterte am ganzen Leib. Vom Schulgebäude hörte sie die Rufe ihrer Freundin. Langsam kam ihr, dass es eine dumme Idee gewesen war. Wenn der Regen Ursula nicht zum Gehen gebracht hatte, würde Mia es auch nicht schaffen.

Ohne es noch ein letztes Mal zu versuchen, legte Mia noch einmal einen Sprint hin und erreichte klitschnass den Eingang.

Janine und die anderen waren von draußen verschwunden, deshalb steuerte Mia direkt auf die große Tür zu. In der Sekunde, in der Mia sie erreichte, öffnete Florian Klein die Tür von innen. Mia wollte nichts lieber als hinein ins Warme, aber Florian versperrte ihr den Durchgang.

„B-b-bit-t-te...“, bibberte Mia ihm entgegen, doch er grinste nur dreckig. Florian drückte seinen monströsen Körper nah an ihren und sagte fordernd: „Ich lasse dich durch, wenn du mit mir zum Ball gehst.“

Verdattert blickte Mia in sein Gesicht, sein schiefes Grinsen war noch breiter geworden. Mia wusste, es würde nichts nützen und sie wollte unbedingt nach Drinnen. Um trotzdem Stärke zu beweisen, presste Mia ihre Zähne aufeinander und zischte ein kurzes „Ja“.

 

Janine Bauer hatte sich ins Warme gedrängelt, auch wenn sie nur einen schlechten Platz neben der Tür erreicht hatte. Ihre Stimmung besserte sich schlagartig, weil sie Mia durch die Eingangstür gehen sah. Janine winkte ihre Freundin zu sich herüber und diese trottete niedergeschlagen auf sie zu.

„Du warst dumm. Einfach raus zu laufen!“, war das Einzige was Janine für Mia übrig hatte. Wie üblich antwortete Mia nicht auf den bissigen Kommentar ihrer Freundin. Diese schien ihre unglückliche Stimmung nicht zu bemerken und fuhr ohne Pause mit dem neusten Tratsch fort.

„Zwischen dem Emo und Lena Maier soll es in einem Geräteschuppen heiß hergegangen sein!“ Ohne dass sie überhaupt eine Antwort abgewartet hätte, sprach Janine weiter, „Sogar Lena Maier ist für Nils Slaković ein großes Glück.“

„Ich geh mit Florian zum Ball“, rutschte es aus Mia (keineswegs erfreut) raus.

„Klein?“, ungläubig zog Janine eine Augenbraue hoch, „Du Glückliche. Aber ich auch. Dieses Wochenende verbringe ich mit einem Älteren!“

Ihre Augen auf den Boden fixiert flüsterte Mia: „Ich habe kein Glück.“

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Jonas Nestler: Glück oder wie auch immer man das nennt (5.Kl)

Hallo, ich bin Tom. Ich wohne in einem kleinem Dorf nahe einer größeren Stadt, in der ich mit meinen Freunden zur Schule gehe. Das Dorf ,in dem wir wohnen, ist arm. Meine Familie ist auch nicht gerade reich und ich bekomme sehr wenig Taschengeld. Übrigens, ich bin 13 Jahre alt und gehe aufs Gymnasium.

Eines Tages änderte sich alles. Und das fing so an.

 

  1. Die Überraschung

 Ich fuhr mit dem überfüllten Bus in Richtung Stadt. Ich schaute auf mein Handy, wie immer. Neben mir saß, wie jeden Tag, mein bester Freund Simon. Er hatte genau den gleichen langen Haarschnitt wie ich, aber er hatte blaue Augen, und ich grüne. In der Schule war es immer langweilig, deshalb hatte ich fast nie gute Laune, wenn ich aus dem Bus stieg. Die sechs Stunden verliefen so langweilig wie immer. Eigentlich war ich ein guter Schüler, nur daß ich nie Lust zum Üben hatte, aber trotzdem gute Noten schrieb. Wie ich das mache, weiß ich selbst nicht so genau.

Nach der Schule im Bus murmelte ich dem Busfahrer und meinen Freunden ein kurzes „Tschüss“ zu, bevor ich wie immer um 13:53 in der Winkelgasse ausstieg.

 Als ich unserem Haus näher kam, hörte ich ganz laute Musik und auf einem riesigen Plakat auf der Tür stand: „Lotto-Jackpot!!! 2,5 Millionen Euro!!!“

 

2. Alles verändert sich

Mit dem Geld, das mir meine Eltern gegeben hatten, ging ich zuerst shoppen, kaufte mir ein neues Handy und gönnte mir noch viele andere Sachen.

Als ich am Montag im 200 Euro-Outfit in den Bus stieg, machten alle den Mund auf. „Wie man sieht, hast du das meiste Geld schon ausgegeben und nichts Gutes damit gemacht!“, schnauzte mein Freund Paul. Aber auch Simon war nicht gerade erfreut mich zu sehen: „Was machst du denn da? Mach doch mit deinem Geld irgend etwas sinnvolles.“ Ich beachtete sie nicht und ging nach hinten auf einen freien Platz.

 

3. Ein halbes Jahr später

Am Freitag abend lag ich im Bett und dachte nach. Ich war traurig. Ich hatte alle meine Freunde verloren und war einsam. Das ganze Geld hatte mich verändert. Ich war arrogant und hochnäsig geworden. Was bedeutet Glück im Leben denn eigentlich? Bedeutet es, dass man sich eine riesige Villa und ein großes Auto kaufen kann? Nein, das bedeutet es ganz sicher nicht. Wenn es so wäre, müsste ich ja glücklich sein, doch ich bin es nicht. Glück kann man halt doch nicht kaufen. Vielleicht kann man Glück teilen? Das hab ich dann auch gemacht.

 

4. Alles wieder normal

 Ich habe zusammen mit meiner Famile einen großen Teil des Geldes an Unicef und verschiedene andere Hilfsorganisationen in Deutschland und Afrika gespendet.

Eines Morgens im Bus bin ich gleich als erstes zu meinen Freunden gegangen, doch die haben gleich wieder die Augen verdreht. Ich sagte zu ihnen: „ Ich würde mir wünschen, dass ich wieder euer Freund bin. Ihr seid mir wichtig und ich hoffe, ihr gebt mir noch eine Chance.“

 

Nach einiger Zeit hat sich alles wieder eingerenkt und wir wurden wieder Freunde.

Also, ich sags euch: Bleibt so wie ihr seid und vergesst nicht, was wirklich wichtig ist im Leben!

 

 

 

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